Wort zum Sonntag, 05.07.2009

Gartengespräch


„Hier im Garten denke ich besonders viel an ihn,“ die junge Frau neben mir auf der Holzbank schaut nachdenklich auf das Rosenbeet vor uns. Unzählige Blüten an den Sträuchern verströmen einen betörenden Duft. Wir sitzen im Halbschatten einer kleinen Birke, Sonnenstrahlen fallen durch das lichte Grün, Vögel zwitschern. Es ist ein eindringlicher, fühlbarer Moment, mit allen Sinnen ist Sommer zu spüren. „Das hätte er gerne noch einmal erlebt.“
Die Frau spricht über ihren Vater, der vor 6 Wochen zu Hause verstorben ist. Er war an Krebs erkrankt und wurde lange Zeit vom Hospizdienst begleitet. Die Familie hat sich dadurch sehr unterstützt gefühlt. Immer, wenn die ehrenamtliche Mitarbeiterin zu Besuch kam, wurde über den Garten gesprochen, in dem er bis zu seiner Erkrankung mit Hingabe und Fleiß gearbeitet hatte. Es war schon zum Ritual geworden, über jede Pflanze, jeden neuen Trieb, jede neue Blüte zu sprechen: Gespräche über Wachsen und Erblühen, aber auch über Welken und Vergehen, wie im Garten, so auch im Leben. Dieser Austausch hat dem Sterbenskranken geholfen, sich mit seiner eigenen Vergänglichkeit und der Ungewissheit dessen, was nach dem Sterben kommt, auseinander zu setzen. Und er hatte eine Hoffnung, die er einmal so ausdrückte: „Wenn ich dann nicht mehr hier bin, dann bin ich im Garten bei dem da oben,“ und er zeigte mit dem Finger in den Himmel. Auch für seine Hoffnung hatte er ein Ritual: jeden Abend vor dem Schlafengehen zündete er ein Teelicht in einer Miniaturlaterne, die auf seinem Nachttisch stand, an und betete still.
Die kleine Laterne hängt jetzt am untersten Ast der Birke, die Tochter hat das Teelicht wieder angezündet. Rituale sprechen alle Sinne an, sie helfen uns zu allen Zeiten im Leben ein wenig Kraft und Trost zu finden, so wie das Sitzen im Garten unter der Birke vor dem Rosenbeet.