Sehnde

Gemeindebrief Nr. 199
Gemeindebrief Nr. 199

2019 | Ausgabe 199 | März 2019 - Mai 2019

18.02.2019 | 2,6 MiB

Hinter der Maske verstecken? Wie sich ein Kostüm auswirken kann

Im tiefsten Süden Deutschlands werden sie reihenweise aufgeweckt. Sie springen. Sie tanzen. Sie treiben Schabernack. Die Narren sind los.

Sie treiben Fastnachtsflüchtlinge in den ruhigen Norden und holen die Verkleidungskünstler zu sich. Es tummeln sich nun Prinzessinnen, Cowboys, Batmans, Engel und viele mehr auf den Straßen. Oftmals denken die Menschen monatelang darüber nach als was sie sich verkleiden wollen. Wen wollen sie darstellen? In welche Rolle wollen sie schlüpfen? Welches Wesen könnten sie sein? Der Reiz jemand anderes zu sein, treibt sie an. Nicht man selbst sein zu müssen. Doch manche Kostüme haben sich so gut bewährt, dass sie über Jahre hinweg gehegt und gepflegt werden, damit sie Jahr für Jahr das Entfliehen aus dem Alltag ermöglichen.

So geht es mir mit meinem Supergirlkostüm, das ich mir mit 15 oder 16 Jahren genäht habe. Erst verstaubte es bei meiner Mutter im Schwarzwald in unserem Kostümfundus. Doch dann fiel es mir wieder ein und ich zog es wieder an. Es fühlte sich immer noch so gut an, wie beim ersten Mal auf dem Fastnachsumzug in Zell am Harmersbach, wo ich herkomme. Ich hatte das Gefühl unendlich stark zu sein und fliegen zu können. Es war schön sich in Supergirl einfühlen zu können und zu glauben, die Welt retten zu können. Die Latein- und Griechischprüfungen waren vergessen, die Hausarbeit über mittelalterliche Mystik ebenfalls. Der Rosenmontagszug kam und ging.

Dann kam der Aschermittwoch. Da wachte ich auf und bin wieder nur ich selbst. Nur? Nein, die Tage zuvor habe ich eine Ahnung erhalten, was ich auch sein könnte. Ob negativ oder positiv. Der Gedanke, wie ich sein will, wurde mir dann mitgegeben in die Fastenzeit, in die Vorbereitung auf Ostern. Was bin ich? Wer bin ich? Ist es gut so, wie ich bin?

Wieso hat die Frage nach dem, was ich bin oder sein könnte, etwas mit der Vorbereitung auf Ostern zu tun? Der Karfreitag erinnert uns Christen daran, was wir Menschen auch sind oder sein können. Wir können Menschen sein, die es sich schwer machen können mit Gott. So schwer, dass Gott zu einem so radikalen Schluss kommt und sich für uns opfert. Doch dadurch gibt er uns die Chance, dass wir neuanfangen können. Weil Gott uns annimmt, können wir uns annehmen. So ist es möglich, dass in jedem von uns auch mal das Supergirl oder der Superman erwacht und über den Aschermittwoch hinaus uns dazu bringt über uns hinauszuwachsen, weil Gott es uns möglich macht.

Ich wünsche Ihnen eine aufregende Fastenzeit und dann Frohe Ostern!

Friederike Schweize

Gemeindebrief Nr. 198
Gemeindebrief Nr. 198

2018 | Ausgabe 198 | Dezember 2018 - Februar 2019

29.11.2018 | 3,2 MiB

Friede auf Erden?

Hoffentlich feiern wir miteinander ein friedliches Weihnachtsfest. Ganz einfach ist das nämlich nicht.

Wie und wann treffen wir uns mit den Geschwistern und ihren Familien? Wer lädt zu welchem Feiertag die Großeltern ein? Oder treffen wir uns diesmal alle bei den Großeltern? Dann wird aber die Heimfahrt zum Problem. Denn übernachten können wir dort nicht alle. Unsere ganze Familie wohnt ja doch etwas verstreut.

Friede hat offensichtlich etwas mit Planung und Abstimmung zu tun, damit möglichst viele Interessen unter einen Hut kommen.

Am Heiligen Abend hole ich Opa zu uns. Aber ansonsten bleiben wir Heiligabend lieber unter uns. Wenn ihr dann alle am ersten Feiertag zu uns kommt, dann können wir ja am zweiten Feiertag meinen Bruder mit Familie besuchen, wo dann gerade auch seine Schwiegereltern zu Besuch sind.

Friede hat offensichtlich etwas mit ausgleichender Gerechtigkeit zu tun. Jeder braucht seinen Platz. Und jeder will ernstgenommen und berücksichtigt werden.

Was machen wir mit Tante Edith? Die schneit ja immer ohne jede Absprache zu den unmöglichsten Zeiten in jede Feier rein, protzt dann mit ihren Geschenken herum und erzählt ständig nur von ihren eigenen Problemen?

Friede bedeutet vielleicht auch, andere Menschen mit ihren Eigenheiten ganz einfach auszuhalten.

Und wenn Fritz wieder anfängt, mitten in den vielen Schokosachen über die ungerechten Lebensverhältnisse der Kakaobauern zu schimpfen, über unverantwortlich lange Transportwege, und sich weigert, seinen dicken Pullover auszuziehen, damit wir begreifen, dass wir selber an der Klimakatastrophe schuld sind, wenn wir alle Räume auf 25 Grad heizen?

Friede geht weit über die Menschen hinaus, mit denen wir direkt umgehen. Friede gilt auch fernen Menschen. Wir müssen über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Denn friedlich sollten doch auch die Wirkungen unseres Lebens für die ganze Schöpfung sein.

Friede auf Erden!

Das ist die Botschaft der Engel in der Nacht in der Jesus geboren wird.

Friede auf Erden, das ist aber offensichtlich kein fertiges Weihnachtsgeschenk, das wir uns mal eben zu Weihnachten abholen könnten.

Friede auf Erden ist eher eine Verheißung, ein Ziel auf das wir unsere Hoffnungen bündeln können.

Und Friede auf Erden ist eine echte Aufgabe, weil niemand für sich allein Frieden schaffen kann. Frieden verlangt Planung und Abstimmungen mit vielen. Frieden kann nur klappen, wo nach Wegen zu einer ausgleichenden Gerechtigkeit gesucht wird. Frieden verlangt nach Toleranz gegenüber anderen. Und Friede braucht einen Blick über den Tellerrand hinaus auf all das andere, was es in der Welt gibt, was uns umgibt und worauf wir Einfluss nehmen. Unser Raubbau an der Natur und unser Einfluss auf das Weltklima dienen beispielsweise nicht dem Frieden, sondern werden in absehbarer Zeit zu immer mehr Not und dann auch zu Gewalt und Krieg führen.

Friede auf Erden, das ist gar nicht so einfach – schon in der Familie nicht -- im Ort, im Land, in der Welt schon gar nicht.

Und trotzdem: das wäre ein gutes Ziel.

Nach unserem Glauben ist Friede das Ziel Gottes für die Welt.

Mit der Geburt Christi und der Botschaft der Engel zeigt er uns, wie wichtig ihm dieses Ziel ist.

Wir können seiner Richtung folgen und mit ihm auf sein Ziel zugehen. Wir können nach Wegen suchen, die uns dem Frieden näher bringen. Ein ganzes Jahr liegt vor uns, in dem wir das immer wieder versuchen und immer wieder nach Wegen zum Frieden suchen können.

Suche Frieden und jage ihm nach!"(Psalm 34,15), fordert Gott uns nämlich in der Jahreslosung 2019 auf -- das ganze Jahr über.

Ein friedliches Weihnachtsfest und ein gesegnetes und friedliches Jahr 2019 wünscht Ihnen Ihr

Uwe Büttner, Pastor

Gemeindebrief Nr. 197
Gemeindebrief Nr. 197

2018 | Ausgabe 197 | September - November

26.08.2018 | 3,6 MiB

Wenn einer von uns beiden stirbt

„Wenn einer von uns beiden stirbt, zieh ich nach oben". Das hat meine Oma immer gesagt. Wir haben viel über diesen Spruch gelacht. Am Ende ist sie zuerst gegangen. Meinem Opa fiel es schwer, das große Haus allein zu bewohnen. Das letzte Jahr seines Lebens konnte er bei meiner Tante verbringen. Das war ein mutiger Schritt – für beide Seiten.

Wo will ich leben, wenn ich alt bin und vielleicht auf Hilfe angewiesen bin? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Viele Menschen scheuen sich davor, das Thema zu besprechen oder Entscheidungen zu treffen. Das Haus aufgeben und in eine Wohnung zu ziehen? Haben die Kinder Zeit und Raum oder doch lieber einen Platz in einer Seniorenresidenz reservieren?

„Wenn einer von uns beiden stirbt, zieh ich nach Sylt". Diesen Spruch habe ich neulich in der Stadt auf einer Postkarte gelesen. Es ist eine Comiczeichnung, ein altes Ehepaar sitzt auf dem Sofa beim Kaffee. Ich musste lachen, als ich die Karte gesehen habe.

In der Bibel fährt keiner nach Sylt, aber diesen Vers habe ich gefunden: Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden (Psalm 90,12). Genau das tun diese „Wenn-einer-von-uns-stirbt-Sprüche". Sie bedenken, dass wir sterben müssen – auf ihre ganz eigene und humorvolle Art. Es kommt die Zeit, da wird einer gehen. Der Partner, die Mutter, der Opa. Wer zuerst dran ist, wissen wir nicht. Es ist gut darüber nachzudenken, wo man selbst oder die Angehörigen leben können. Wie sich ein Leben gestalten kann, wenn nichts mehr ist wie vorher.

Im Alltag kommen solche Themen oft zu kurz. Aber im Urlaub oder an freien Tagen, wenn Ruhe einkehrt ins Leben und in die Gedanken, dann ist manchmal Platz, sich mit den grundlegenden Fragen des Lebens zu beschäftigen. Also: Ab nach Sylt – oder woanders hin! Aber nicht erst, wenn einer gestorben ist. Sondern jetzt. Jetzt ist die Zeit für „Wir müssten auch mal wieder". Jetzt ist die Zeit zu bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Herzliche Grüße

Ihre

Pastorin Ricarda Schnelle

 

2018 | Ausgabe 196 | Juni - August
Gemeinde

2018 | Ausgabe 196 | Juni - August

27.05.2018 | 1,7 MiB

Gastfreundschaft, auch im Garten!

Die unverdrossne Bienenschar / fliegt hin und her, such hier und da / ihr edle Honigspeise.
Der Weizen wächset mit Gewalt,/ darüber jauchzet jung du alt und rühmt die große Güte / des, der so überfließend labt / und mit so manchem Gut begabt / das menschliche Gemüte.

Paul Gerhard hat diese Zeilen in dem Lied „Geh aus, mein Herz …“ 1653 gedichtet.

So war es einmal!
Aber so ist es nicht mehr!

Sie haben die Stichworte Bienensterben und Insektensterben sicherlich schon gehört. Und nicht nur die Insekten, die wir nach einer Überlandfahrt von der Windschutzscheibe unseres Autos waschen müssen, sind deutlich weniger geworden. Auch der morgendliche Gesang der Vögel ist „dünner“ geworden. Denn Vögel ernähren sich zu großen Teil von Insekten und finden einfach weniger Nahrung. Also gibt es immer weniger Vögel bei uns.

So wie den Vögeln könnte es auch uns bald gehen. Einen großen Teil der Feldfrüchte können wir nur ernten, nachdem die Pflanzen vorher von Bienen und anderen Insekten bestäubt worden sind. Sind immer weniger Insekten da, wird auch die Ernte, von der wir leben, immer kleiner ausfallen. Landwirtschaft und Gesetzgebung wissen lange von dieser Entwicklung und versuchen mit den neuen Verboten (Verbot von Neonikotinoiden und Verbot von Glyphosat), darauf zu reagieren. Doch es wird länger dauern, bis diese Verbote Wirkung zeigen.

Außerdem gibt es noch ein anderes Problem. Ein großes blühendes Rapsfeld ist nicht nur auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen, sondern bietet diesen Insekten auch Nahrung --allerdings nur für die begrenzte Zeit der Blüte. Während Honigbienen von ihrem Imkern nach der Rapsblüte an andere Standort gebracht werden, wo sie weiterhin Nahrung finden, werden Wildbienen und andere Insekten, die auf Blüten angewiesen sind und in naher Umgebung kaum noch Nahrung finden, in ihrer Existenz bedroht.

Hier können wir helfen mit unseren Vor- und Hausgärten.

Insekten- und Vogelschützer bezeichnen Vor- und Hausgärten gern als „Grüne Wüsten“, weil auch hier mit zu viel Chemie umgegangen wird, kurz gemähte Rasenflächen Tieren kaum Lebensraum lassen und viele der oft exotischen Garten- und Zierpflanzen vielen Nützlingen unter unseren einheimischen Kleinlebewesen keine Nahrung bieten.

Meine Großeltern haben, solange es ihnen möglich war, von ihrem Garten gelebt. Täglich gingen sie hinein, um jedes Unkräutchen gleich zu beseitigen. Aber da sie praktisch ohne Gifte und Chemie arbeiteten, summte und schwirrte es ständig in ihrem Garten, wenn neben Obstblüten, Stachelbeer- und Bohnenblüten auch das eigene Blumenbeet praktisch den ganze Sommer über von Schmetterlingen umschwärmt wurde und den Bienen Nahrung bot.

Unsere Vor- und Hausgärten könnten für Wildbienen und andere Insekten oft sehr viel „gastfreundlicher“ gestaltet werden, wenn Wiesenblumen dort blühen dürfen und Stauden gepflanzt werden, die in ihrer langen Blütezeit Schmetterlinge und viele Insekten anlocken -- wenn auch „Bienenhotels“ oder andere Rückzugsräume für kleine Fluginsekten angeboten werden und diese vielen Nützlinge so nicht in Gefahr geraten, sondern bei uns Orte zum Bleiben finden, nachdem die großen Felder abgeerntet sind.

Die erste Schöpfungsgeschichte in der Bibel ist über zweieinhalbtausend Jahre alt. Und sie beschreibt bereits, dass Gott die Welt so geschaffen hat, dass Leben und Lebensbedingungen auf der Erde aufeinander aufbauen. Wir Menschen können nicht leben, ohne die Basis unseres Lebens. Die Bienen und viele andere kleine Tiere gehören zur Basis unseres Lebens. Und wir leben nicht mehr in der Zeit, in der jedes Unkräutchen, jedes Insekt vernichtet werden muss. Im Gegenteil: Wir sind in der Zeit angekommen in der wir ihnen bewusst Raum geben müssen, wenn wir uns nicht selber diese Basis unseres Lebens zerstören wollen.
Unser Monatsspruch zum Juni ist ursprünglich auf Menschen bezogen. Er macht uns darauf aufmerksam, dass wir gastfreundlich sein sollen und keine Menschen aussperren, auch nicht wenn sie Fremde sind, mit anderer Sprache, anderem Glauben, anderen Gewohnheiten. Habt keine Angst vor ihnen, sondern seid gespannt, ja freut euch auf das Neue und Gute, dass sie bringen können. Sie könnten sogar Engel sein, die von Gott zu euch gesandt werden.

Denn in dem Monatsspruch heißt es:
Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt. (Hebräer 13,2)

Aber wir sperren eben nicht nur Leben und Hoffnung aus, wenn wir Menschen in Not abweisen und nicht gastfreundlich sind. Auch unsere Vor- und Hausgärten können wir „gastfreundlicher“ gestalten.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sommer, in dem Ihnen fröhliche Menschen begegnen, die Sie dann vielleicht einladen können in Ihren fröhlich summenden Garten mit vielen bunten Schmetterlingen.

Ihr Uwe Büttner, Pastor

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