Fürchtet euch nicht! Weihnachten findet statt!

Glaubenssache

Superintendentin Sabine Preuschoff. Foto: Dethard Hilbig
Superintendentin Sabine Preuschoff. Foto: D. Hilbig

„Weihnachten fällt wohl aus in diesem Jahr.“ So hörte ich jemanden schon im Oktober reden. Ein Politiker sagte gar: „Es geht jetzt darum, dass wir Weihnachten retten … und dafür müssen wir kämpfen.“ Weihnachten – ein Fest, das wir retten? Im Kampf?

Gewiss, wir kämpfen viel in unserem Leben. Und das zu Ende gehende Jahr war auch für viele Menschen in unserem Wohlstandsland oft ein Kampf: für die Eltern, die zwischen Homeoffice und Homeschooling jonglierten. Für die Kinder und Jugendlichen, von denen – ganz unaltersgemäß – Abstand und Berührungslosigkeit gefordert war. Für die Erzieherinnen in den Kindertageseinrichtungen, nah am Kind, die sich sicherlich mehr Abstand gewünscht hätten angesichts des Virus. Für die Alleinstehenden, ob alt oder jünger, die unter Vereinsamung litten. Für die Obdachlosen, die sich fragten, wie das „Zu- Hause-Bleiben“ auf der Straße funktionieren soll. Für medizinisches Personal, das um Menschenleben kämpfte. Und für die vielen Menschen, deren berufliche Existenz aufgrund der Maßnahmen, die getroffen werden mussten, gefährdet war und ist.

So viel kämpfen. Und dann auch noch für Weihnachten? Es sogar retten? Nein, Weihnachten wird da sein. Trotz unserer Kämpfe und Klagen. Denn wir sind es, die zu Weihnachten gerettet werden. Gerettet aus Einsamkeit und Not. Aus Dunkelheit und Angst. „Fürchtet euch nicht!“ An den Kirchtürmen vieler Gemeinden zu lesen in diesem Frühjahr. An anderen: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht…“ Habt keine Angst. Gott sieht uns Menschen – ängstlich, einsam, orientierungslos, mit schweren Aufgaben beladen. Und sagt uns: „Ich bin mit dir. Helfe dir tragen. Wenn du einsam bist. Und durch Corona noch einsamer, weil niemand da ist und in den Arm nimmt und fest drückt.“

Fürchte dich nicht! Das sagt Gott der Mutter, die Angst hat, dass sie nun wieder zwischen Homeoffice, Homeschooling und Kinderbetreuung zerrissen wird. Den Jugendlichen, die mit ihren Zukunftssorgen und Gegenwartssehnsüchten allein bleiben. Der Mitarbeiterin in der Krippe, die den Druck spürt: Vollbetrieb, weil die Eltern die Betreuungsleistung brauchen; abstandslose Nähe zu den Kindern – und alles weitgehend ungeschützt, da man so kleine Menschen nicht mit Maske betreuen kann. Fürchte dich nicht! Das sagt Gott allen, die nach Halt suchen und bang fragen, wie das alles werden wird.

Der Glaube an diesen Gott, das Vertrauen darauf, dass er uns rettet, gibt mir Kraft: Gott kommt zu uns. Zu dir. Zu mir. Lässt sich herab zu uns. Ein „heruntergekommener“ Gott. Ist Trost in Angst und Einsamkeit. Ermutigung gegen Egoismus und Ellenbogeneinsatz. Schenkt mir Kraft, Liebe und Besonnenheit. Gegen die Furcht. Ist bei mir. Distanzlos. Gott sei Dank.

Krippendarstellungen werden oft so aufgebaut: Maria und Josef allein auf dem Weg. Die Hirten auf dem Feld. Die Weisen aus dem Morgenland. Sich der Krippe nähernd. Aber alles mit Abstand.

Meine Tochter holte sie einst alle zusammen, wie es auf dem Bild zu sehen ist. Dicht bei dicht. Direkter Blick in die Krippe – ins Angesicht Gottes. In Coronazeiten und mit AHA-Regeln undenkbar. Aber es zeigt das Wesen von Weihnachten: Das ist kein Fest, das wir „machen“ können – geschweige denn „retten“. Nicht der Kampf für das Fest lässt Weihnachten werden, sondern allein die Nähe Gottes. Er überwindet alle Distanz. Rührt uns an. Bleibt uns nah – allen Abstandsregeln zum Trotz. Und Weihnachten findet statt!

Gesegnete Weihnachten!

Sabine Preuschoff
Superintendentin des Ev.-luth. Kirchenkreises Burgdorf

Foto: privat
Foto: privat

„Glaubenssache - Beiträge und Texte aus Kirche und Religion“ erscheint als Kolumne jeweils sonnabends im Marktspiegel für Burgdorf und Uetze, sowie im Marktspiegel für Lehrte und Sehnde. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Kirchen schreiben Beiträge aus ihren Kirchengemeinden, Einrichtungen und Arbeitsfeldern, von ihren Erfahrungen und zu dem, was sie gerade beschäftigt.

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