Gut gekaut ist halb verdaut

Glaubenssache

Pastor Steffen Lahmann. Foto: Simone Bürger
Pastor Steffen Lahmann. Foto: Simone Bürger

Ich hatte eine Großtante, die mir beim Essen manchmal etwas sonderbar vorkam. Sie achtete darauf, jeden Bissen betont langsam und gründlich zu kauen. Selbst schwerverdauliche Kost oder Speisen, an denen andere sich die Zähne ausbissen, kaute sie sehr bedacht. Das erforderte Zeit und gewissenhafte Aufmerksamkeit. „Gut gekaut ist halb verdaut“, sagte sie gerne.

Auch an biblischen Texten beißt man sich manchmal die Zähne aus. Es gibt Gottesbotschaften die schwerverdaulich und ungewohnt zäh sind. Der Prophet Ezechiel hat das erfahren. Bevor er seinem Volk die Heilsbotschaft Gottes ansagen darf, muss er im Namen Gottes eine ganze Reihe Unheils-Botschaften ausrichten.

Zur Vorbereitung soll er Gottes Wort verinnerlichen: In einer Vision hält ihm eine ausgestreckte göttliche Hand eine Schriftrolle hin und fordert ihn auf zu essen. Die Schriftrolle ist beidse­i­tig beschrieben mit Klagen, Seufzern und Weherufen. Schwere Kost also. Aber als Ezechiel die Schriftrolle isst, wird sie in seinem Mund süß wie Honig.

Diese Vision erzählt davon, wie Gottes Wort zur Nahrung wird. Gerade auch in schwerer Zeit. Denn das Wort Gottes will aufmerksam machen für Gottes Gegenwart.

Das Wort Gottes aufzunehmen ist manchmal mühsam und anstrengend. Man hat daran zu kauen. Es erfordert Zeit und gewissenhafte Aufmerksamkeit. Aber es lohnt sich. Denn es gehört zu den Speisen, deren Geschmack sich manchmal erst durch längeres Kauen ganz entfaltet. Wie beim Brot, das gründlich gekaut, irgendwann süß wird wie Honig. Vielleicht würde Ezechiel meiner Großtante zustimmen, die gerne sagte: „Gut gekaut ist halb verdaut!“

Steffen Lahmann
Pastor der St.-Petri-Kirchengemeinde Hänigsen-Obershagen

„Glaubenssache - Beiträge und Texte aus Kirche und Religion“

Die Kolumne erscheint jeweils samstags im Marktspiegel für Burgdorf und Uetze, sowie im Marktspiegel für Lehrte und Sehnde. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Kirchen und Religionsgemeinschaften schreiben Beiträge aus ihren Einrichtungen und Arbeitsfeldern, von ihren Erfahrungen und zu dem, was sie zeitaktuell gerade beschäftigt.

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