Meine Nachbarin

Was hättest du gemacht, in jener Novembernacht?

Bildseite der Ansichtskarte eines so - noch - nicht identifizierbaren Fotografen. Das Bild, ergänzt um die Angabe „10. 5. 1908“ (gemeint ist das Datum des ehemals auf dem Revers des Originals aufgestempelten Poststempels)
Bildseite der Ansichtskarte eines so - noch - nicht identifizierbaren Fotografen. Das Bild, ergänzt um die Angabe „10. 5. 1908“ (gemeint ist das Datum des ehemals auf dem Revers des Originals aufgestempelten Poststempels) mit einem Blick um 1900 auf die seinerzeitige Neue Synagoge in Hannover. Wikipedia

Heinemann ist ein deutscher Allerweltsname. Rosa heißen kleine Mädchen mit Rüschenkleidern und einem Faible für Rosa. Rosa Heinemann. Sie ist die gleichen Straßen entlanggegangen. Hätte in den gleichen Himmel geguckt. Der Himmel über Hannover, das rutschige Pflaster vor der Neustädter Kirche. Der Weg zur großen Synagoge, der stolzen mit der großen Kuppel. Ging sie regelmäßig hin oder nur manchmal, eine deutsche Feiertagsjüdin, im besten Kleid zum Abendgebet? Direkt vor meinem Fenster hätte das Gotteshaus von 1870 gestanden. Prachtvoll, zwischen meiner Predigtkirche und der katholischen Basilika. Der Architekt ließ sich vom Aachener Dom inspirieren. Jetzt ist nur eine Bronzeplatte geblieben. Und Stolpersteine auf dem Weg.

Manche Steine sind so verdreckt, dass niemand mehr stolpert, es sei denn, ein nasses Blatt verunsichert den Schritt. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brennt direkt vor meinem Schreibtischfenster die Synagoge. Sie wird völlig zerstört. Die Brandstifter bleiben unbehelligt. An die Stelle der Synagoge wird ein Bunker gebaut. Ahnt Rosa Heinemann, dass der Schrecken der alltäglichen Diskriminierungen sich in dieser Nacht zu einem Monster entwickelt? Steht sie zitternd am Fenster, während unten auf der Straße vor meiner Haustür die Menschen gaffen oder grölen? Ich weiß nichts über sie. Weiß nichts darüber, wie es sich anfühlt, wenn die Heimat sich allmählich in eine Alltagshölle verwandelt. Weiß nichts darüber, wie der Blick der Nachbarn im Treppenhaus sich verändert. Weiß nichts über ihre Flucht und die Tage zwischen Kot und Tod auf dem Weg ins Konzentrationslager. Zwischen den Buchstaben, die in die Bronze gestanzt wurden, steht ein ganzes Leben. Weiß nichts über ihre Lieblingsmusik. Mochte sie den Herbst über Niedersachsen? Oder ist diese Frage unangebracht angesichts des Genozids, der für sie hier, in ihrer und meiner Straße, begann?

Ich glaube nicht. Denn unter den unvorstellbar großen Zahlen lässt sich zwar wohlig betroffen sein, doch das Ausmaß des Verbrechens wird erst dann wirklich sichtbar, wenn hinter den Zahlen Lebensgeschichten hervorgucken. Und dann krallt sich diese spitze Frage in den Nacken. "Was hättest du gemacht, in jener Novembernacht? Und wie, um Himmels willen, konnte die lutherische Gemeinde am Sonntag danach Gottesdienst feiern, neben dem ausgebrannten Gotteshaus? Das ganz große Gedenken braucht Bilder und Namen. Gespenstergeschichten von Toten, die hätten leben sollen. Sie sollen anwesend bleiben, aber nicht als lästiger Spuk von früher, sondern als lebendige Erinnerung. "Ungestillt rinnt die Träne um die Erschlagenen unseres Volkes". Diese Worte aus dem Buch des Propheten Jeremia stehen auf der Gedenkplatte. Rosa Heinemann ist eine von ihnen. Meine Nachbarin.

von Dr. Petra Bahr
Landessuperintendentin des Sprengels Hannover

Quelle: Christ & Welt vom 09.11.2017

Hannover, Synagoge Memorial, Rote Reihe, Calenberger Neustadt. Foto: Rabanus Flavus. Quelle: Wikipedia
Hannover, Synagoge Memorial, Rote Reihe, Calenberger Neustadt. Foto: Rabanus Flavus. Quelle: Wikipedia

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