Zum neuen Jahr

Gedanken von Landesbischof Ralf Meister zur Jahreslosung 2018

Landesbischof Ralf Meister. Foto: Landeskirche Hannover
Landesbischof Ralf Meister. Foto: Landeskirche Hannover

Die Sinnsuche hat kein Ende, die Ruhelosigkeit bleibt. Unruhig ist meine Seele, bis sie Ruhe findet in Dir, schreibt der Kirchenvater Augustin. Im Übergang zum neuen Jahr bleibt der Durst, diesem Leben einen Sinn abzutrotzen, der nicht in den paar Jahren liegt, die mir auf Erden gegeben sind. Der Durst ist ein schmerzliches In-sich-verzehren nach Liebe und Glück.

Der Durst bleibt zugleich die vergebliche Anstrengung, dem Tod zu entrinnen und dem Schmerz davon zu laufen. Dieser Durst wird nie gestillt. Niemals werden wir fertig in diesem Leben. Immer bleiben wir durstig und voller Lebenshunger. Immer bleiben die Wünsche, die Träume nach einer anderen, einer besseren Welt. So pilgern wir durch die Zeiten.

Die jüdische Dichterin Rose Ausländer schreibt:

Die Herzschläge nicht zählen
Delphine tanzen lassen
Länder aufstöbern
Aus Worten Welten rufen
Horchen was Bach
Zu sagen hat
Tolstoi bewundern
Sich freuen
Trauern
Höher leben
Tiefer leben
Noch und noch
Nicht fertig werden
Wir werden nicht fertig. Auch im neuen Jahr nicht.

Gestalt und Farbe des Paradieses, das wir suchen, sind nicht so wichtig wie dieses, dass einer da ist, der den Durst nach Leben stillt. Dass einer da ist, wie und wo auch immer, der das Stoßgebet hört und das Scherflein verbucht, das die Witwe in den Tempel bringt. In dieser Heimatlosigkeit ist die Bibel unser großes Trostbuch. Sie kann trösten, weil sie die Angst kennt. Die biblischen Geschichten tragen unseren ganzen Gefühlshaushalt in sich. Kein Gefühl ist zu hoch, keines zu niedrig. Nichts Menschliches ist der Bibel fremd.
Auf diesen Boden fällt auch die tröstliche Zusage aus dem letzten Buch der Bibel, der Offenbarung.

„Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. (Offenbarung 21,6).

Mit diesem Trost gehen wir in das neue Jahr. Sie ist noch Zukunftsmusik. Gott wischt noch nicht alle Tränen von unseren Augen. Es gibt noch Tod und Leid und Geschrei und Schmerz. Aber das ist schon geschehen: Gott ist unter uns. Gott mit uns – Immanuel. Gott, Mensch geworden, lebt er in unseren Städten und Dörfern. Er lebt in der schicken Villa, im schlichten Haus. Er sitzt im Café und lächelt uns an der Ampel an. Er ist schon unter uns. Mensch unter Menschen, in unserer alten Welt.

Wir aber bleiben auf dem Weg, auf dem Gott uns Fülle verheißen hat. Er wird uns speisen, er wird uns tränken. Er schenkt uns voll ein und hüllt uns in Güte und Barmherzigkeit. So lasst uns mutig gehen in das neue Jahr. Mit unserem Durst. Mit unseren Fragen. Unfertig wie wir sind. Er ist uns zur Seite und spricht: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

Ein gesegnetes Jahr wünscht Ihnen Ihr
Ralf Meister

Quelle:
landesbischof.wir-e.de/aktuelles

Das Stichwort: Biblische Jahreslosung

Hannover/Leer (epd). Im neuen Jahr dient der Bibelvers „Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“ (Offenbarung 21,6) wieder vielen Christen als Richtschnur in ihrem alltäglichen Leben. Dies biblischen Leitworte der Jahreslosungen werden von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) bereits mehrere Jahre im Voraus ausgewählt.

Die Praxis der Losungen stammt von der Herrnhuter Brüdergemeine in der sächsischen Oberlausitz. 1728 wählte der Begründer dieser geistlichen Gemeinschaft, Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760), zum ersten Mal einen Bibelspruch für die Mitglieder der Herrnhuter aus. Nach dem Vorbild Zinzendorfs zieht bis heute ein Mitglied dieser Glaubensgemeinschaft - ähnlich einer Lotterie - ein Bibelwort für jeden Tag aus einer silbernen Schale. Die so ermittelten Bibelworte werden als „Tageslosungen“ in einem Sammelband veröffentlicht.

Viele Christen beginnen jeden neuen Tag mit einem Blick in die „Herrnhuter Losungen“: Sie begleiteten den Reichskanzler Otto von Bismarck (1815-1898) und den NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) und gehören auch, wie es heißt, zur täglichen Lektüre von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und der Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt.

Die Jahreslosung folgt zwar der Praxis der Herrnhuter, geht aber zurück auf den Kirchenkampf im „Dritten Reich“. Initiator war der württembergische Pfarrer und Liederdichter Otto Riethmüller (1889-1939), der Mitglied der „Bekennenden Kirche“ war. Er wollte den NS-Schlagworten Bibelverse entgegenstellen. Deshalb begründete er 1930 die Tradition der Jahreslosungen. Die erste Jahreslosung 1930 war „Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht“ (Römer 1,16). (1076/01.01.18) epd lnb lbm mig

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