Preiswürdige Erinnerungsarbeit

Dr. Judith Rohde erhält den Blickwechselpreis 2019

Dr. Judith Rohde erhält den Blickwechselpreis 2019. Foto: Stefan Heinze
Dr. Judith Rohde erhält den Blickwechselpreis 2019. Foto: Stefan Heinze

Der Verein Begegnung – Christen und Juden. Niedersachsen hat die Sprecherin des Burgdorfer Arbeitskreises Gedenkweg 9. November, Dr. Judith Rohde, mit dem Blickwechselpreis 2019 für langjähriges und innovatives Engagement im christlich-jüdischen Dialog ausgezeichnet. Der Preis wurde verliehen im Rahmen des Sommerfestes des Vereins am Sonntag, 18. August, in der hannoverschen St.-Petri-Gemeinde am Dörriesplatz.

„Mit der Auszeichnung würdigen wir den dauerhaften, vielfältigen und nachhaltigen Einsatz Dr. Judith Rohdes im christlich-jüdischen Gespräch“, begründet die Vorsitzende des Vereins BCJ, Pastorin i.R. Karin Haufler-Musiol, die Wahl der diesjährigen Preisträgerin.

„Der Judenhass ist mitten unter uns, ein heimisches Gift. Deshalb muss es auch vor Ort bekämpft werden. Judith Rohde und die ganze Initiative Gedenkweg 9. November haben das verstanden“, sagte die Laudatorin, Landessuperintendentin Petra Bahr. „Wer Antisemitismus bekämpfen will, muss in der Nachbarschaft beginnen, im Gespräch mit Kindern und Enkeln, muss Zivilcourage zeigen und vehement widersprechen, wenn wieder einmal antisemitische Kommentare über den Tisch fliegen.“

Rohde versteht die Ehrung, wie sie in ihrer Dankesrede sagte, „stellvertretend und gemeinsam mit dem Arbeitskreis Gedenkweg 9. November.“ Sie erinnerte an die Arbeitskreis-Gründer Gertrud Mrowka und Rudolf Bembenneck. Der inzwischen verstorbene Pastor Bembenneck hatte Anfang der neunziger Jahre mit anderen den Prozess angestoßen, der 2013 zur Neubestimmung des Verhältnisses zum Judentum in der Verfassung der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers führte.

Die gebürtige Südschwarzwälderin und heutige wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Tierärztlichen Hochschule Hannover Dr. Judith Rohde ist seit dem Jahr 2010 Sprecherin des Burgdorfer Arbeitskreises Gedenkweg 9. November und hat in dieser Funktion zahlreiche Veranstaltungen und Ausstellungen mitgestaltet, Referate gehalten oder sich im Rahmen von Erwachsenenbildung für eine breitere und tiefere Kenntnis jüdischer Religion eingesetzt. Zuletzt machte Rohde durch die Verschriftlichung von Rechercheergebnissen des Rudolf Bembennecks die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Burgdorf einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich.

„Die Stadt Burdorf freut sich über die Verleihung des Blickwechselpreises an Judith Rohde. Ohne Erinnerung gibt es keine Zukunft: wir danken Judith Rohde für Ihr wichtiges Engagement in und für die Stadt Burgdorf!“, würdigte Burgdorfs stellvertretender Bürgermeister Matthias Paul die Preisträgerin.

Im Arbeitskreis Gedenkweg 9. November engagieren sich Menschen aus drei Burgdorfer evangelischen Kirchengemeinden, der katholischen Gemeinde sowie dem Kulturverein Scena, um die Erinnerung an die jüdische Gemeinde Burgdorfs wachzuhalten und Kenntnisse über das historische und heutige Judentum zu vermitteln.

Frühere Träger/innen des Blickwechselpreises sind Udo Groenewold, Ingrid Willing, Arnulf Baumann, Hans-Georg Spangenberger, Hans-Joachim Schreiber, Rabbiner Dr. Gábor Lengyel, Elke von Meding, Bärbel Zimmer und Rachel Dohme. Die Verleihung steht unter der Schirmherrschaft des Landesbischofs der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, Ralf Meister.

Mehr Infos zum Verein Begegnung – Christen und Juden. Niedersachsen e.V.

Landessuperintendentin Dr. Petra Bahr hielt die Laudatio. Foto: Sprengel Hannover
Landessuperintendentin Dr. Petra Bahr hielt die Laudatio. Foto: Sprengel Hannover

Der Arbeitskreis Gedenkweg 9. November

Der Arbeitskreis Gedenkweg 9. November wurde in Burgdorf anlässlich der 50jährigen Wiederkehr des Erinnerns an die Reichspogromnacht durch Gertrud Mrowka und Rudolf Bembenneck, damals Pastor an der St. Pankratius-Kirche, gegründet. Ihm gehören Vertreter der evangelischen Kirchengemeinden St. Pankratius, St. Paulus und Martin-Luther, der katholischen Pfarrgemeinde St. Nikolaus und des Kulturvereins Scena sowie interessierte Einzelpersonen an. Ausgangspunkt und Kernanliegen ist die Erinnerung an die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Jüdinnen und Juden aus Burgdorf.

Wichtige Erinnerungsorte im öffentlichen Raum gehen auf Initiativen des Arbeitskreises zurück, so die in den Jahren 2006 bis 2008 von dem Künstler Gunter Demnig verlegten Stolpersteine und der im Jahr 2008 von dem Dipl.-Designer, Bildhauer und Maler Uwe Appold gestaltete Gedenkfries für die in der NS-Zeit Ermordeten. Im Gebäude der 1811 eingeweihten, ehemaligen Synagoge entstand das Kulturzentrum KulturWerkStadt, das in einem Bereich dauerhaft an die Geschichte des Hauses und seine Nutzung als Synagoge erinnert.

Darüber hinaus ist die Vermittlung von Kenntnissen über das historische und heutige Judentum und die Begegnung mit jüdischen Menschen ein wichtiges Anliegen des Arbeitskreises. Neben der jährlich am 9. November stattfindenden Gedenkveranstaltung organisiert der Arbeitskreis Gedenkweg 9. November Vorträge, Ausstellungen, Kino-Vorstellungen und Exkursionen. Er sucht den Kontakt zu Vertretern der Politik, Kirchengemeinden und Schulen, um gemeinsam „ein historisch belehrtes Gegenwartsbewusstsein“ (Thomas Meyer) zu entwickeln, damit wir nicht „dazu verdammt sind, Geschichte zu wiederholen“ (George Santayana).

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