#Unerhört

Glaubenssache

Superintendentin Sabine Preuschoff. Foto: Dethard Hilbig
Superintendentin Sabine Preuschoff. Foto: D. Hilbig

… diese Obdachlosen!
… diese Flüchtlinge!
… diese Migrantenkinder!

Plakate an unseren Straßen. Sie nehmen Worte auf, die vielen Menschen entfleuchen. Bei den meisten als Ausruf der Empörung: „Ist ja unerhört!“ Und dann wird über diese Gruppen hergezogen. Und dabei vielleicht vergessen, dass es sich um Menschen handelt.

Wenn die Diakonie damit plakatiert, ist die Zielrichtung eine andere: Aus der Empörung wird ein Hinsehen. Achtung! Sie sind un-erhört. Es hört niemand auf sie. Hört hin! Seht hin! Bleibt dran!

Nicht „über“ andere reden, sondern „mit“ ihnen. Denen Gehör schenken, für die andere nur ein „Unerhört!“ übrig haben. „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Die Frage Jesu an die Menschen, die ihn um Hilfe baten. Und dann dranbleiben. Handeln, damit der andere leben kann und eine Perspektive für sich sieht. So zielt diakonische Beratung immer auch auf die Aktivierung der betroffenen Menschen. Und setzt sich damit auch ein für ein Miteinander in unserer Gesellschaft, in der alle dazugehören.

Noch ein Plakat gibt es: Unerhört – diese besorgten Bürger. Ja, ich will sie hören. Jene, die sich wirklich sorgen, wie es gehen soll. Sorge bedeutet für mich nicht nur bloßen Protest gegen diejenigen, die meine „so heile“ Welt gefährden. Sorge braucht die Bereitschaft, sich für Veränderungen einzusetzen und dabei die Würde des anderen zu achten.

Morgen startet die Woche der Diakonie. Da weisen wir besonders auf diejenigen hin, die unerhört bleiben in der Gesellschaft. Und zeigen auf, wo wir dranbleiben und uns dafür einsetzen, dass Menschen Gehör finden und Unterstützung erfahren.

Drangeblieben sind wir, als wir beobachtet haben, dass die gesetzlichen Leistungen bei weitem nicht ausreichen, um Unterrichtsmaterialien und Aktivitäten für den Schulbesuch der Kinder zu finanzieren. Es ist ein großartiger Erfolg unserer Diakonie, dass sich die Berliner Politik dieses Themas angenommen und eine spürbare Verbesserung beschlossen hat.

Das zeigt: Es lohnt sich, nicht bei einem empörten „Unerhört!“ zu bleiben, sondern sich für die Un-Erhörten einzusetzen.

Sabine Preuschoff
Superintendentin des Ev.-luth. Kirchenkreises Burgdorf

„Glaubenssache - Beiträge und Texte aus Kirche und Religion“ erscheint als Kolumne jeweils sonnabends im Marktspiegel für Burgdorf und Uetze, sowie im Marktspiegel für Lehrte und Sehnde. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Kirchen und Religionsgemeinschaften schreiben Beiträge aus ihren Einrichtungen und Arbeitsfeldern, von ihren Erfahrungen und zu dem, was sie gerade beschäftigt.

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