Rosa ist eine gute Patisseurin!

Berichte aus der Heiligen Stadt von Pastorin Sophie Anca und Pastor Tibor Anca

Pastor Tibor und Pastorin Sophie Anca in Rom. Foto: privat
Pastor Tibor und Pastorin Sophie Anca in Rom. Foto: privat

Das Projekt

Seit Mitte Mai sind Pastorin Sophie Anca und Pastor Tibor Anca aus dem Ev.-luth. Kirchenkreis Burgdorf, mit ihren Kindern in Rom. Bis Ende Juli verbringen sie in der Heiligen Stadt eine Studienzeit. Das Ehepaar Anca will die christliche Gemeinschaft Sant’Egidio etwas näher kennenlernen. Was die Pastorin und der Pastor in Rom erleben, darüber berichten sie in loser Folge für interessierte Leser*innen im Kirchenkreis Burgdorf auf dieser Website.

Rosa ist eine gute Patisseurin!

Auf der einen Seite ein Taxistand, auf der anderen eine Essenausgabe für Bedürftige. Foto: Tibor Anca
Auf der einen Seite ein Taxistand, auf der anderen eine Essenausgabe für Bedürftige. Foto: Tibor Anca

Rosa – mit einem rollenden „R“ und Betonung am Anfang des Namens – backt ab und zu einen Mürbeteigkuchen, eine crostata, die ist benissima! Wenn jemand Geburtstag hat und sie Zeit, dann darf man sich freuen! Das tue ich sehr und erhalte ein zweites Stück. Bald geht es los, alle haben sich schon entsprechend vorbereitet, mit Schürze, Haarnetz und Latex-Handschuhen. Es ist Dienstag, 16.30, Uhr wir sind in der Via Dandolo 10/ Trastevere versammelt. Hier unterhält Sant’Egidio eine Mensa zur Armenspeisung. Die Via Dandolo 10 ist eines der Zentren, wo Essenspakete vorbereitet werden, die später an verschiedenen Ausgabestellen ihren Weg zu den Bedürftigen finden. Hier spielt Rosa eine wichtige Rolle.

Natürlich ist sie nicht allein. Sie ist eine der 6-7 Frauen, die sich dienstags regelmäßig ab 16.30 Uhr versammeln, um Pasta zu verpacken. Mal ist die Pasta mit „Ragu“, mal mit Käse, mal nur mit Sugo die Pomodori. Aber immer gut und frisch. Die Nudeln (ganze 32 Kilo) am Sonntag davor vorgekocht, kühl gelagert. Am Dienstag werden sie mit der jeweiligen Soßa in dem riesigen Backofen fertig gestellt. Rosa vermischt immer Soße und Nudeln, sie kennt das genaue Verhältnis. Danach werden einheitliche Portionen in kleinen Einmalbehältern vorbereitet. Anschließend fängt das Zählen an für die großen Styroporbehältern. Denn jede Ausgabestelle braucht unterschiedliche Mengen an Nudelpaketen. Und ich?

Ich bin am Abwaschen. Als ich am 25. Mai zum ersten Mal dort auftauchte (in typischer Aufmachung eines Touristen, kurze Hose, T-Shirt und Sandalen…), haben mich die Frauen verwundert angeguckt. Ich sprach kein Italienisch, sie kein Englisch, oder die meisten nicht. Irgendwie haben die verstanden, dass ich der amico von Agata bin, ein Freund von Agata. Sie ist eine, wir würden sagen, leitende Ehrenamtliche, unsere wichtigste Ansprechpartnerin. Die Prozedur des Abwaschens ließ sich ohne Worte erklären, so ist das seitdem eine meiner Aufgaben. Trotz wachsender Sprachkenntnisse. Das macht aber nichts. Denn bereits bei meinem zweiten Besuch dort (oh, der ist wieder da) begrüßte mich ein herzliches „ciao“ von den Frauen. Und wir aßen den Mürbeteigkuchen von Rosa. Sophie sitzt zwischen den Frauen, die die Nudelportionen verpacken und verschließen. Ich sehe ein, dafür braucht man auch nicht viel Sprachkenntnisse.

Mit den Nudeln ist es aber nicht getan. Danach kommen nämlich die borse, die Tüten! Da sind aber die meisten Frauen der „Nudelstation“ schon weg, so auch Rosa. Sie haben ihre Hilfe geleistet. Aber andere kommen dazu, selbst einige Männer! Die Tüten sind eine Kunst für sich. Je nach Verhältnis der Spenden ändert sich die Zusammenstellung der Tüten im laufenden Betrieb. Zu Beginn kommt von allem je zwei Stück in jede Tüte. Zwei gekochte Eier, zwei Stück Schmelzkäse, zwei Multivitamindrinks, zwei Bananen, zwei Tüten Süßgebäck. Das ist meine Aufgabe. Im Anschluss, in einer kleineren Tüte, kommt reich belegtes Brot dazu. Da sitzt Sophie und schmiert die Brote mit Mayonnaise. Ja, mit Mayonnaise. Nun, die Brote ändern sich auch im Laufe der Vorbereitungen. Alles hat damit zu tun, dass keine Standardmengen zur Verfügung stehen, weil alles als Spende aus verschiedenen Richtungen eintrifft. Man muss es genau im Blick behalten. Die Bedürftigen werden nicht weniger, also müssen sich die Tüten anpassen, man streckt das Vorhandene! Wenn ich z.B. ein schnelles „no, no, no, no“ von Tonino (einem leitenden Ehrenamtlichen) höre, dann bedeutet dies: ab jetzt nur noch ein Stück von allem! Ziemlich gleichzeitig passen sich die Sandwiches an. Zunächst werden sie vegetarisch, denn der Kochschinken ist als erster alle. Dann steigt Sophie von der Mayonnaise auf Schmelzkäse um. Am Ende bleiben nur noch Brotscheiben übrig. Auch die verteilt man, die meisten Bedürftigen sind für jede Gabe dankbar.

Wenn alles fertig ist, wird es für den Außenstehenden etwas hektisch. Es wird geklärt, mitten auf der befahrenen Straße, beim Verladen, wer wohin fährt und wen mitnimmt. Die Ausgaben beginnen kurz nach 19 Uhr. Parken ist schwierig, aber zunächst will der Weg aus Trastevere über die am meisten befahrenen Straßen des Zentrums z.B. zum Bahnhof Termini gemeistert werden. Im römischen Verkehr. Alle bleiben dennoch entspannt und höflich, fahren aber nicht strickt nach Schild und Regeln, sondern „finden sich zurecht“.

Am Bahnhof Termini, auf der Seite der Via Marsala entwickelt sich ein interessantes Bild. Die Ausgabe findet nämlich unter einem Unterstand statt, auf dessen anderen Seite ein Taxistand ist. Auf der einen Seite gut gekleidete Menschen, viele Touristen, die wollen eine Fahrt. Auf der anderen Seite wollen die Menschen die vielleicht erste und einzige Mahlzeit des Tages. Alles ist gut organisiert, das ist wichtig. Es bildet sich eine Schlage vor der Ausgabestelle. Dort bekommt man eine Nummer, die man sofort abgibt. Das hat mit kommunalen Vorschriften zu tun, denn die Stadt leistet auch einen finanziellen Beitrag. Danach läuft man die verschiedenen Stationen der Ausgabestelle ab (da sind wiederum andere Menschen als in der Mensa). Zwischen Mai und Juli trifft man öfter zuerst das Gesicht dieses Touristen, also meins, weil ich das Besteck ausgebe. Sofern man Pasta wünscht. Meine Stellung an der vordersten Front hat also „historisch“, wie das Abwaschen in der Küche, mit meinen Sprachkenntnissen zu tun, denn ein „ja“ oder „nein“, ob man Nudeln will oder nicht, konnte ich von Anfang an verstehen. Sophie hat man von Beginn an einer kleinen Truppe Frauen anvertraut, zwischen Dessert und Brottüten. Ich glaube, das ist die Obststation. Nur einmal standen wir nebeneinander. Für mich ist das aber vorbei, einige Wochen später, mit wachsenden Kenntnissen durfte ich sogar einen Bollerwagen voller Pakete durch den Bahnhof und den Bahnhofsvorplatz schieben, Menschen direkt ansprechen und ihnen erklären, was alles in der Tüte ist. Die Pakete sind für die Menschen bestimmt, die aus verschiedenen Gründen nicht zu der zentralen Verteilung kommen. Ich bin da nicht allein, denn sobald die Menschen ihre Geschichten erzählen, dann bin ich überfragt und schiebe am liebsten den Wagen weiter.

Habe ich schon erwähnt, dass alles organisiert ist? Z.B. wenn Sant’Egidio schon alles verteilt hat, gibt es für manche immer noch Hoffnung auf eine Mahlzeit. Es gibt nämlich so einige Gemeinschaften, die Essen verteilen. Auf dem Platz zwischen den Busterminals am Hauptbahnhof und den Zelten des Roten Kreuzes (Impfzentrum), wo meine Fahrt mit dem Bollerwagen endet, trösten wir die Menschen mit dem Satz: „I vincenziani arrivano!“ – die Vinzentiner kommen an! Die Vinzentiner haben auch Ehrenamtliche, die Essenspakete vorbereiten und verteilen – so um 20 Uhr kommen die tatsächlich an. Für uns aber endet der Einsatz am Dienstagabend immer mit einem abschließenden Friedensgebet – Ehrenamtliche und manche Bedürftige versammeln sich gemeinsam im Kreis. Das ist für die Gemeinschaft von Sant’Egidio sehr wichtig. Und für uns ist es immer ein schöner Abschluss am Ende eines langen Tages.

Tibor Anca
Pastor der Kirchengemeinde Dollbergen-Schwüblingsen

Friedensgebet am Ende des Tages. Foto: privat
Friedensgebet am Ende des Tages. Foto: privat

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