Und Martin stieg vom Ross ...

Glaubenssache

Pastorin Damaris Frehrking. Foto: privat
Pastorin Damaris Frehrking. Foto: privat

Eigentlich wollte Martin schon als Kind getauft werden. Die Christen hatten ihn interessiert. Bei ihnen ging es anders zu, man musste nichts vorgeben, nicht "auf dicke Hose machen", auch nicht als Junge. Ja, er hätte sich schon als Kind gern taufen lassen, aber irgendwie wurde nichts draus. Er trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde Soldat der römischen Armee. Er gehörte schon früh zur Leibwache des Kaisers in Mailand. Eigentlich war er da angekommen, wo sich jeder Junge hinträumte. Als er mit seiner Reiterei in Amiens stationiert war, kam es zu der Begegnung, die sein Leben für immer veränderte. Der Mann, der da im Schnee saß, war mehr tot als lebendig gewesen. Dürr, blau gefroren, sein Blick ging ins Leere. Martin war vom Pferd gestiegen und hatte den Mantel durchgeschnitten. Hatte dem bibbernden Häuflein Elend die eine Hälfte umgelegt.

Martin von Tours hat sich nach dieser Begebenheit dann endlich taufen lassen. Schwert und Uniform legte er nieder, für immer. Als Bischof von Tours erreichte er ein gutes Alter und widmete sein Leben den Menschen, die ihm anvertraut waren.

Zwischen dem Martinstag und dem Volkstrauertag befinden wir uns heute. Zwei Gedenktage, die viel miteinander zu tun haben. Denn so wie der Martinstag erinnert auch der Volkstrauertag an unsere Sehnsucht nach einer Welt, in der Menschen ihr Schwert nicht zum Kämpfen benutzen, sondern lieber dafür, einen wärmenden Mantel mit einem Frierenden zu teilen. Am Volkstrauertag ist kein Anlass für Heldenverehrung, sondern für Trauer um jeden Soldaten und jeder Soldatin, die fallen, sei es im Angriff, sei es in der Verteidigung. Der Tag gibt Anlass zur Trauer über jedes zerbombte Krankenhaus und jede ausgebombte Familie, die im Winter friert. Wahrscheinlich wird diese Welt niemals ohne Rüstung auskommen. Jeder Gewaltakt, und mag er auch noch so berechtigt erscheinen, führt uns mahnend vor Augen, wieviel Erlösung diese Welt noch braucht. Sie kann da anfangen, wo einer von seinem hohen Ross runterkommt, den Erniedrigten wahrnimmt und ihm gibt, was er braucht.

Damaris Frehrking
Pastorin der Gesamtkirchengemeinde Sehnde-Rethmar-Haimar

„Glaubenssache - Beiträge und Texte aus Kirche und Religion“

Die Kolumne erscheint jeweils sonnabends im Marktspiegel für Burgdorf und Uetze, sowie im Marktspiegel für Lehrte und Sehnde. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Kirchen schreiben Beiträge aus ihren Kirchengemeinden, Einrichtungen und Arbeitsfeldern, von ihren Erfahrungen und zu dem, was sie gerade beschäftigt.

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